„Wirkt nicht über den Placeboeffekt hinaus“ – diesen Satz kennt man aus Medikamentenstudien. Gleichzeitig hält sich hartnäckig die Vorstellung vom erstaunlich mächtigen Placebo: Schon die Erwartung, dass eine Behandlung hilft, soll Beschwerden lindern und sogar körperliche Reaktionen auslösen können. Aber sprechen wir dabei überhaupt über denselben Effekt?
Gemeinsam mit dem angehenden Hausarzt Andreas Steinau dröseln wir auseinander, was in klinischen Studien eigentlich als Placeboeffekt bezeichnet wird – und warum eine Verbesserung nach einer Placebobehandlung noch lange nicht bedeutet, dass das Placebo sie verursacht hat. Wir sprechen über Erwartung und Wahrnehmung, über messbare körperliche Veränderungen und darüber, warum Schmerzen möglicherweise ein Sonderfall sind. Außerdem schauen wir uns an, was die Forschung zu Open-Label-Placebos und ihrem möglichen Einsatz in der Medizin sagt.
Wie mächtig ist der viel beschworene Placeboeffekt also wirklich – und was bleibt davon übrig, wenn man genauer hinschaut?
Gespräch mit Andreas Steinau:
- Andreas Steinau ist Arzt und befindet sich aktuell in Weiterbildung zum Facharzt für Allgemeinmedizin. Als angehender Hausarzt ist er bei Nachgefragt mittlerweile mein medizinischer Experte, wenn es darum geht, fragwürdige medizinische Behauptungen und vermeintlich wissenschaftliche Erklärungen genauer unter die Lupe zu nehmen.
- Bereits in Folge 39 über Akupunktur und Folge 55 über Schwangerschaftsabbrüche aus medizinischer Sicht war Andreas bei Nachgefragt zu Gast.
Shownotes:
- Placebo
- Nocebo-Effekt
- Regression zur Mitte
- Klassische Konditionierung
- Response Bias
- Randomisierte kontrollierte Studie
- Opioidantagonist
- Naloxon
- Nachgefragt 18: Woran erkennt man seriöse Studien? mit Norbert Aust. Grundlagen zum Aufbau, zur Bewertung und Aussagekraft wissenschaftlicher Studien.
- Artikel bei DIE ZEIT über die Bedeutung von Placeboeffekten für medizinische Behandlungen. In der Folge diskutieren wir insbesondere, was dabei jeweils als „Placeboeffekt“ bezeichnet wird und wie stark die zugrunde liegenden Effekte belegt sind. [Link] (2026)
- Artikel bei Spektrum über Erwartung, Konditionierung und Predictive Coding als Erklärungen für Placebo- und Noceboeffekte. Die Abgrenzung dieser Mechanismen ist auch Thema der Folge. [Link] (2025)
- Interview im SPIEGEL mit der Placeboforscherin Ulrike Bingel über Erwartungen, körperliche Prozesse und die medizinische Nutzung von Placeboeffekten. Einige ihrer Interpretationen diskutieren wir in der Folge kritisch. [Link] (2025)
- Paper über den wahrgenommenen Placeboeffekt bei Hunden mit Arthrose von Conzemius & Evans (2012). Besitzer:innen und Tierärzt:innen nahmen häufig eine Verbesserung wahr, die sich in der objektiven Ganganalyse nicht entsprechend zeigte. Ein Beispiel dafür, dass wahrgenommene und körperlich messbare Verbesserungen auseinanderfallen können.
- Paper über Placebobehandlungen im Vergleich zu keiner Behandlung von Hróbjartsson & Gøtzsche (2001). Die Auswertung fand wenig Evidenz für starke Placeboeffekte; Unterschiede zeigten sich vor allem bei subjektiv berichteten Beschwerden und Schmerzen. Zentral für die Frage, wie viel einer Verbesserung tatsächlich auf das Placebo zurückzuführen ist.
- Cochrane Review von Hróbjartsson & Gøtzsche (2010). Die größere Auswertung bestätigt im Wesentlichen das frühere Ergebnis: Hinweise auf Placeboeffekte fanden sich vor allem bei subjektiv berichteten Beschwerden und Schmerzen.
- Paper über den Einfluss von Oxytocin auf Placeboanalgesie von Kessner et al. (2013). Bei identischen wirkungslosen Cremes führte die Erwartung einer schmerzlindernden Wirkung zu weniger berichteten Schmerzen. Ein Beispiel für den Einfluss von Erwartungen auf das subjektive Schmerzerleben.
- Paper über Placebobehandlungen bei Asthma von Wechsler et al. (2011). Medikament, Placebo-Inhalator und Scheinakupunktur führten subjektiv zu ähnlich starken Verbesserungen; die Lungenfunktion verbesserte sich dagegen nur durch das wirksame Medikament deutlich. Ein Beispiel für den Unterschied zwischen wahrgenommener und körperlich messbarer Verbesserung.
- Paper über Open-Label-Placebos von Spille et al. (2023). Die Meta-Analyse fand Effekte bei selbst berichteten Beschwerden, jedoch nicht bei objektiv gemessenen Ergebnissen; die Qualität der Evidenz wurde als niedrig bis sehr niedrig bewertet.
- Paper über körpereigene Opioide bei der Placeboanalgesie von Levine, Gordon & Fields (1978). Der Opioidantagonist Naloxon schwächte die Placeboanalgesie ab – ein wichtiger Hinweis auf einen physiologischen Mechanismus bei Placeboeffekten auf Schmerzen.
- Paper über Open-Label-Placebos bei Reizdarmsyndrom von Kaptchuk et al. (2010). Die Placebogruppe berichtete stärkere Verbesserungen als die unbehandelte Gruppe. Relevant ist auch, dass den Teilnehmenden zuvor mögliche starke Placeboeffekte vermittelt wurden.
- Paper über Open-Label-Placebos bei chronischen Rückenschmerzen von Carvalho et al. (2016). Die Placebogruppe berichtete weniger Schmerzen und Einschränkungen – ein weiteres Beispiel für die Diskussion um offene Placebos und subjektiv wahrgenommene Beschwerden.
- Paper über negative Erwartungen und Schmerz von Varelmann et al. (2010). Eine negativ formulierte Ankündigung einer lokalen Betäubung führte zu stärker berichteten Schmerzen – ein anschauliches Beispiel für den Noceboeffekt.
